Porträt:
Tunesien, das bedeutet für die meisten Menschen unbeschwertes Urlaubsvergnügen an endlosen Traumstränden und für die Interessierten vielleicht noch ein bisschen Kultur und Geschichte im Hinterland. Wenn die Journalistin und Autorin Sihem Bensedrine jedoch von ihrer nordafrikanischen Heimat spricht, dann bröckelt die Fassade des Touristenparadieses sehr schnell. Obwohl die Menschenrechte in Tunesien eigentlich verfassungsmäßig garantiert sind, regiert im Land Angst, Verfolgung und Unterdrückung. Das hat auch Sihem Bensedrine, Jahrgang 1950, erfahren müssen.
Bereits während sie in Frankreich Philosophie studierte hatte sie sich für die Menschenrechte in Tunesien engagiert, dies später als Journalistin für zahlreiche unabhängige Medien weitergeführt. Keine leichte Aufgabe, denn kritische Stimmen wurden von der Regierung durch Verbote mundtot gemacht. Einen Hoffnungsschimmer bot die Machtübernahme Präsident Ben Alis Mitte der 80er Jahre. Doch statt der versprochenen Freiheit folgte nur noch mehr Unterdrückung und Schikane. "Die Regierung führt das Land nicht gut", klagt Sihem Bensedrine und berichtet von Ungeheuerlichkeiten, die ihr widerfahren sind. Sechs Jahre lang hatte sie beispielsweise keinen Pass, durfte das Land nicht verlassen. Wie ihr erging es vielen Intellektuellen. Aus Angst vor derartigen Sanktionen halten viele lieber still als öffentlich ihre kritische Meinung zu äußern. Nicht so Sihem Bensedrine: Als sie das lang ersehnte Dokument dann endlich in den Händen hielt, reiste sich nach London, wo sie einem arabischen Fernseh-Sender ein Interview gab. Nicht in Hocharabisch, sondern in einem tunesischen Dialekt, den auch die einfachen Leute verstehen konnten. Das passte der Regierung natürlich nicht und bei ihrer Rückkehr wurde Sihem prompt verhaftet. Wie lange sie im Gefängnis war? "Dieses Mal nicht sehr lange", sagt sie. "Nur zwei Monate."
Tunesien ist ein Polizeistaat, in dem es sechs Mal mehr offizielle Polizisten gibt als in Frankreich, ganz zu schweigen von der allgegenwärtigen Geheimpolizei. Sihem Bensedrine vergleicht Tunesien mit der ehemaligen DDR: "Die Menschen haben Angst, sie werden systematisch zerstört, indem sie unterdrückt und erpresst werden." Sihem weiß, wovon sie spricht. Sie wurde mehrfach inhaftiert, überfallen und bedroht. Weil sie sagt, wie es ist und sich nicht den Mund verbieten lassen will. Dafür kämpft sie mit bemerkenswertem Mut an allen Fronten. Sie ist Gründungsmitglied und Sprecherin des "Nationalen Rats für Freiheiten" in Tunesien, Generalsekretärin der "Beobachter zur Verteidigung der Pressefreiheit" und Chefredakteurin der in Tunesien verbotenen Online-Zeitung "Kalima", das Wort. Als sie die Zeitschrift 1999 gründet, die von den Menschenrechtsverletzungen in Tunesien, von der Zensur, der politischen Unterdrückung und den alltäglichen Schikanen durch die Polizei berichtet, verweigert ihr die Regierung die Druckgenehmigung. Sihem weicht auf das Internet aus, doch die Seite wurde binnen kurzer Zeit gesperrt.
Der Druck auf die Menschenrechtsaktivistin wuchs und wuchs. Als sie zwei Monate nach Ende des zweiten Krieges in den Irak reiste und darüber ein Buch schrieb, folgte eine ungeheure von der tunesischen Regierung lancierte Verleumdungskampagne gegen sie. Deshalb hält sie sich zur Zeit auf Einladung der "Hamburger Stiftung für Politisch Verfolgte" in der Hansestadt auf und versucht, von hier aus etwas zu bewegen. Doch es ist schwer, überhaupt bis nach Tunesien vorzudringen: "Die elektronischen Medien laufen alle über einen Regierungsserver", erklärt Sihem Bensedrine. "Was unerwünscht ist, wird gesperrt. So ist das auch mit Printmedien. Wenn zB. "Le Monde" einen kritischen Artikel über Tunesien enthält, wird die komplette Auflage direkt am Flughafen abgefangen und zurück geschickt. Früher haben sie sogar aus Modezeitschriften einzelne Artikel rausgeschnitten, bis sie gemerkt haben, dass das zu lächerlich ist. Jetzt wird alles zurück geschickt."
Sihem Bensedrine fühlt sich wohl in Hamburg: "Ich bin hier sehr offen aufgenommen worden. Auch die Mentalität der Menschen mag ich sehr. Die Reserviertheit der Leute gefällt mir als mediterranem Menschen sehr." Dennoch ist es ihr größter Wunsch, nach Tunesien zurückzukehren und ohne Arbeitsverbot in einem freien Land arbeiten zu können. Vorerst jedoch wird das nicht möglich sein. Also macht sie das Beste aus ihrem Aufenthalt im fremden Hamburg. "Ich spreche noch nicht sehr viel Deutsch, aber ich verstehe die zwischenmenschliche Sprache sehr wohl", sagt sie und fügt hinzu, dass die Deutschem einem nichts Böses wollen. Für die Zukunft hat sie sich neben ihren vielen Reisen zu internationalen Kongressen und Tagungen, den Buchprojekten und all den anderen Aktivitäten auch vorgenommen, die Sprache zu lernen. Allem voran möchte sie die deutsche Poesie im Original lesen. Die Kraft, ihre Arbeit trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten weiterzuführen, zieht Sihem Bensedrine aus den vielen Menschen, die hinter ihr stehen. "Ich bin nicht nur Opfer der Regierung", sagt sie selbstbewusst. "Ich habe auch sehr viel. Und ich glaube an die Freiheit, das gibt mir einen Lebenssinn."
Auf Einladung der "Hamburger Stiftung für Politisch Verfolgte" hält sich Sihem Bensedrine zur Zeit in Hamburg auf. Hier mit der Geschäftsführerin der Stiftung Martina Bäurle (links).
Zwei Monate nach dem - offiziellen – Kriegsende reist Sihem Bensedrine auf der Suche nach einer irakischen Freundin in den Irak. Doch statt der Freundin findet sie ein zerstörtes Land vor mit resignierten Menschen, deren Leben nach Diktatur und Krieg nur noch elender und hoffnungsloser geworden ist. Was westliche Journalisten nicht sehen und hören, schreibt Sihem Bensedrine eindrucksvoll nieder und zieht auch Parallelen zu ihrer tunesischen Heimat.
Eigentlich wollte die EU mit der Erklärung von Barcelona die Freiheit und Demokratie in den arabischen Ländern fördern. Doch inzwischen überwiegt die Angst vor Einwanderung und islamistischem Terror und statt sich für Wirtschaft und Menschenrechte einzusetzen, zeigt sich die EU autoritären Regimes südlich des Mittelmeeres gegenüber lieber nachsichtig. Laut Sihem Bensedrine und ihrem Mann Omar Mestiri fördert diese heuchlerische und hochgefährliche "Sicherheitspolitik" jedoch extremistische Gewalt.
Text: Annette Riestenpatt
Fotos: spo
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