Flucht aus Hamburg:
Ich kam 96 nach Hamburg, weil ich dachte: Hamburg = Filmstadt. Davor hatte ich von 91 bis 94 mein erstes und einziges festes Engagement, am Landestheater in Schleswig. Mehr wollte ich dann auch nicht. Denn das war alles zu eng und zu fremdbestimmt für einen Individualisten wie mich.
In Hamburg erging es mir mal besser, mal schlechter... Bis Ende 97 machte ich, zunächst als Schauspieler und später auch als Producer und Regisseur, bei MME kleine Comedy-Beiträge für "Peep". Kurze, witzige Spielszenen zum Thema Erotik. Ab 98 bin ich dann ziemlich rumgeschwommen. Ich gab hier und da ein bisschen Unterricht, spielte in ein paar Arztserien mit und war auch noch mal als Gast am Theater in Schleswig.
Ich hatte unter anderem Kontakt in das Netzwerk der damaligen Hamburger "Theater-Mafia". Ich sollte einmal mitspielen, bin aber nach einer Woche ausgestiegen, weil es nicht mein Ding war.
Ich hatte kein Interesse an einer Off-Produktion, wo acht Stunden diskutiert, eine Stunde geprobt und nachts noch Bühnenbild gebaut wird. Es gab da schon bei den ersten Proben stundenlange Ästhetik-Diskussionen, und ich wollte einfach nur als Schauspieler eine Figur spielen. Ich war ja mittlerweile einigermaßen erfahren, hatte schon um die siebenhundert Mal auf der Bühne gestanden. Die Hauptrolle in "Shoppen und Ficken" auf Kampnagel wurde mir damals auch angeboten. Das habe ich aber nicht gemacht, weil ich spürte, das würde sehr, sehr nervenaufreibend werden. Meine Ahnung hat sich später bestätigt: Die Besetzung wechselte wohl schon im Laufe der Proben zwei- oder dreimal, und nur ein Schauspieler ist von Anfang bis Ende dabeigeblieben.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass die freie Theater-Szene in das kulturelle Leben der Stadt integriert ist. Ganz subjektiv würde ich sogar sagen, dass die Off-Szene gar nicht wirklich gewollt ist. Das kulturelle Leben ist in Hamburg sehr stark vom konservativ-wohlhabenden Bürgertum geprägt. Daneben existiert die freie Szene, die aber keinen richtigen Kontakt zum Establishment kriegt, die vor sich hin rumort, wenig beachtet und stiefmütterlich behandelt wird und die nie an die Oberfläche kommt. In Berlin gibt es diese radikale Trennung zwischen etablierter Kultur und Underground-Szene nicht. Alles ist viel vernetzter, lebendiger und vor allem sehr dynamisch. Ich glaube aber, dass die Szene in Hamburg zugänglicher ist als in Berlin, weil sie überschaubarer ist. In Berlin dagegen gibt es viel mehr Möglichkeiten. Das Netz ist allerdings zerhackter. In Hamburg hängt alles irgendwie zusammen, was ein Vorteil sein kann. Wenn du aber an einer Ecke einen Fehler machst, dann weiß es direkt das gesamte Netz. Dann hast Du keine Chance mehr.
Ende 1999 bemerkte ich jedenfalls immer intensiver, dass mein ganzer Bekanntenkreis Löcher bekam. Ich fragte mich: Wo sind die denn alle? Und dann erfuhr ich nach und nach, dass die alle nach Berlin abgewandert waren.
Da wurde mir bewusst, so richtig mein Pflaster ist Hamburg nicht. Ich hatte da auch keinen Kiez, was für mich ziemlich wichtig ist, gerade als Freischaffender. Ich kann nicht sagen, ob ich diesen Kiez nicht gefunden habe oder ob es den so in Hamburg nicht gibt. Vielleicht stimmt beides ein bisschen. Hier in Berlin, im Prenzlauer Berg, ist es glücklicherweise anders. Da habe ich meine Stammcafés, da ist die Kulturbrauerei, Kinos, Theater, Probebühnen, Bars – es ist alles da, zum Arbeiten und zum Leben.
Anfang 2000, an einem Donnerstagnachmittag sagte ich dann: Schluss jetzt, ich geh’ nach Berlin. Am Samstag darauf war ich da. Es gab ganz viel Neues im Prenzlauer Berg, die Leute, das Kaffeehaus, wo die ganzen Künstler herumhingen – ich hatte ja zuletzt 1986 in Berlin gewohnt. Ich dachte: Das ist es. Hier waren Leute, hier war Kontakt, hier war Netz.
Im Frühjahr 2001 gründete ich dann mit meinem Zwillingsbruder die "Woesner Brothers". Wir starteten bei null, ohne Fremdkapital und Subventionen. Unsere erste eigene Theaterproduktion, das Karl-Valentin-Programm, haben wir dann zu dritt mit 1000 Mark realisiert. Bis Jahresende hatten wir schon 30 Vorstellungen. Teilweise war es auch frustrierend, aber es ging stetig bergauf. Man muss bloß bereit sein, jede Schwierigkeit in Kauf zu nehmen, dann gehen die Türen auf. Und jetzt sieht alles sehr gut aus – was die Perspektive, die Vision für den eigenen Weg und das soziale Umfeld betrifft. Nur finanziell könnte es besser sein. Reich werde ich auf diesem Weg wohl nicht mehr.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es auch in Hamburg für die "Woesner Brothers" einen Platz gegeben hätte. Hamburg ist zwar ein anderes Pflaster, Hamburg kann aber auch nichts verhindern. Mit einer Idee und einem eigenen Profil, das durch Arbeit immer klarer freigelegt wird, kann man sich auch da eine Nische erobern, und wenn man sich eine schafft. Ich allerdings würde da nicht unbedingt noch mal Fuß fassen wollen – ich hab meine Basis gefunden, hier im Prenzelberg!
Aufgezeichnet von Claudia Simon
Ralph Woesner, 1964 in Berlin-Mitte geboren, studierte in den 80er Jahren an der "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" in Rostock. Seit 2001 hat er sich mit seinem Zwillingsbruder Ingo als die "Woesner Brothers" weit über Berlin hinaus mit komödiantischen Inszenierungen und Kleinkunst- programmen einen Namen gemacht.
Ab 24. Januar 2005 jeden Montag im Kabarett Sündikat am Alexanderplatz, Berlin.
Alle Gastspieltermine unter:
www.woesner-brothers.de
Ralph Woesner empfiehlt Berlin-Besuchern die kleine Improvisationsbühne "Bühnenrausch" in der Erich-Weinert-Str. sowie das Kaffeehaus "Sowohl als Auch" (Kollwitzstr / Ecke Sredzkistr.), beide im Prenzlauer Berg.
Berlin scheint allen anderen Großstädten Deutschlands hinsichtlich der kulturellen Attraktivität nachhaltig den Rang abgelaufen zu haben. Weltweit gilt die Hauptstadt als Szenemekka, die Metropole schlechthin für Künstler und Kreative.
Hamburg leidet augenscheinlich ganz besonders unter dieser Entwicklung. Der "creative drain" in Richtung Berlin ist fast schon Legende, die Szenebezirke Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Kreuzberg sind das erklärte Ziel. Liegt es an den politischen Rahmenbedingungen, den geringeren Lebenshaltungskosten, dem weltoffenen und unprätentiösen Lifestyle oder der im Vergleich zur hanseatischen Reserviertheit erfrischend-ehrlichen Direktheit der Berliner?
kulturportal-hh und die kulturagentin Claudia Simon (früher Hamburg, jetzt Berlin-Kreuzberg) gehen der Frage nach, welche Gründe Kulturschaffende für den Umzug von Hamburg nach Berlin hatten und was daraus geworden ist.