Porträt: Angela Rotermund
"Eigentlich wollte ich Sängerin werden", erinnert sich Angela Rotermund. "Aber meine Mutter hat mich immer rausgeschickt, wenn ich ihr was vorsingen wollte." Dann eben Lehrerin, dachte sich Angie, wie sie von ihren vier Geschwistern genannt wurde, und terrorisierte ihre jüngeren Schwestern, um sich gebührend auf ihre zukünftige Tätigkeit vorzubereiten. Murrend ließen die Kleinen Angies Geschichten über ihre Kontakte zu Außerirdischen über sich ergehen. Irgendwann fingen sie jedoch an zu meutern und Angie schrieb ihre Geschichten kurzerhand auf. Bereits als Jugendliche verfasste sie den Gedichtband "Schwester, weißt du noch ... oder: Am Ende einer Zeit", in der sie ihre eigene Geschichte und die Beziehung zu ihrer Familie aufarbeitete. Um das Manuskript dieses "Psychogramms einer Teenagerzeit" verschicken zu können, ging sie im Kopierladen putzen. Dann schickte sie es an alle Verlage. "Ich war so naiv", lacht sie heute. "Ein Verleger schrieb, die Gedichte hätten ihm zwar sehr gefallen, aber sie seien ein politischer Sachbuchverlag und es passe leider nicht ins Programm."
Nachdem sie zunächst überwiegend Lyrik schrieb, sind es gegenwärtig hauptsächlich Kurzgeschichten und Theaterstücke. "Lange Zeit war meine Überzeugung: Inhalt vor Form.", sagt Angela. Doch seit sie mehr und mehr fürs Theater schreibt, verändert sich das. "Da machen Leute manchmal mit schlechten Geschichten und einer vermeintlich guten Performance etwas, das beim Publikum ankommt. Mir ist es mir wichtig, dass es eine Symbiose zwischen Form und Inhalt gibt." Es ist die Kombination von Ausdrucksformen und den einzelnen Künsten, die Angela Rotermund reizt. Und das Theater ist ideales Experimentierfeld, denn hier kann man Literatur, Lyrik, Spiel, Text und Musik zusammenbringen. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Torsten M. Krogh veranstaltet sie das "Tresengeflüster", wo sie jeden Monat im Live Music Club in Eimsbüttel junge Autoren und Musiker präsentiert. Der Fokus ihrer eigenen Arbeiten liegt auf dem Zusammenspiel der Menschen und ihren Motivationen für Handlungen oder eben Nicht-Handlungen. "Ich denke, unsere Gesellschaft kann gut eine Jelinek gebrauchen und verkraften," denkt Angela, die zwar keine Vorbilder oder Idole hat, sich aber allzu gern von tat- und aussagekräftigen Zeitgenossen inspirieren lässt.
Ende 2004 fand im Hamburger Sprechwerk die Uraufführung "Die Winterreisenden" statt. Das Stück basiert auf Texten von Wilhelm Müller und wurde durch Schuberts Winterreise bekannt. Angela Rotermund schrieb das Buch und gab auch ihr Debüt als Schauspielerin. Sie schuf für das Stück das weibliche Pendant zum einsamen Wanderer Müllers, der an sich und der Welt leidet. "Mich interessierte vor allem die Zeitlosigkeit des Themas", sagt sie. "Früher war das die Kunst der Romantik, heutzutage ist das oft ein Fall für jahrelange Psychotherapie." Das Stück entstand im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Simon Roessler, der parallel mit seiner Jazz-Irritainment-Band ORDALIA ein neues musikalisches Gesamtwerk schuf.
Im Rahmen ihrer Theaterarbeiten gründete Angela Rotermund im freien Zusammenschluss Anfang 2004 das Theaterconsortium Hamburg. Ziel dieser Zusammenarbeit von freien Film- und Theaterschaffenden, Schauspielern, Autoren und anderen Künstlern sind freie Produktionen und Inszenierungen zu realisieren. Inzwischen gibt es auch Angebote für Gastspiele. Neue Produktionen sind geplant. Zur Zeit arbeitet Angela Rotermind mit der russischen Schauspielerin und Regisseurin Liudmyla Vasylieva an einem neuen Stück. Das grobe Thema: Machtspielchen unter Eheleuten in aller Öffentlichkeit. "Da geht es richtig zur Sache, wir haben schon viel gelacht und eine schöne, abstrakte Form gefunden."
Angela Rotermund träumt von einem literarischen Salon, in dem eine gegenseitige Inspiration und Reflexion verschiedener Künstler aus unterschiedlichen Sparten stattfindet, denn "das fehlt mir manchmal ein bisschen.", sagt sie. "Und in Hamburg", so bemerkt sie nicht zu Unrecht, "werden leider allzu oft die Dinge gefördert, die ohnehin schon halbwegs etabliert sind." Für Experimente bleibt wenig Platz im hiesigen Kulturbetrieb. Man muss sich auch mal was trauen, lautet ihre Devise. "Wenn man immer in trockenen Tüchern wandelt, kann man schwerlich nass werden." Und gerade die Suche nach etwas Neuem, das Ausprobieren ist das, was ihre Arbeit so spannend macht.
In Hamburg geboren und aufgewachsen, machte Angela Rotermund nach dem Abitur eine Ausbildung zur Kommunikations- fachfrau; später studierte sie Kultur- wissenschaften und Philosophie. Mit 25 Jahren war sie Abteilungsleiterin in einer Werbeagentur, aber sie schrieb trotz des Nine-to-Five-Jobs und veranstaltete Lesungen. Irgendwann schmiss sie den Job und mietete sie ein kleines Büro in der Schanze. An ihren ersten Roman erinnert sie sich ungern. "Ich habe mich gefragt, was ich da eigentlich mache und als ich den letzten Satz geschrieben habe, habe ich das Ding aus Verzweiflung verbrannt." Darüber ärgert sie sich bis heute, doch inzwischen kann sie solche künstlerischen Zwiespalte besser verarbeiten.
Im Schreiben kann ich reisen
Und reisend schreibe ich
Auf meiner letzten Reise da traf ich …
Doch davon jetzt noch nichts
So will ich reisend weiter schreiben
Und schreibend noch viel weiter reisen
(Angela Rotermund)
Text: Annette Riestenpatt
Fotos: Bud Rose, Oliver Schmidt
© kulturportal-hh.de 2005