Der Einrichter sitzt über seiner Steuererklärung, als er vom Freischwinger rutscht. Am Boden liegend, fällt sein Blick auf die geblümten Vorhänge. "Ausgesprochen hässliche Vorhänge", denkt er, "geradezu scheußlich. Aber hinterher ist man immer schlauer. Das ist nur eine Übergangslösung, sagt man sich beim Einzug. Weil man sich nicht entscheiden kann. Die roten, die grauen? Seide oder Samt? Nein, ersteinmal die Geblümten! In zwei Monaten kommen sowieso neue dran. Diese geblümten Vorhänge sind preisgünstig, sofort verfügbar und sie halten die Blicke der Nachbarn ab. Später, wenn alles eingerichtet ist, wird sich zeigen, welche Farbe und welcher Stoff am Besten passt." Also wurden die Geblümten aufgehängt. Nachdem die Vorhangfrage vorläufig geklärt war, musste möbliert werden. Das Interieur seines neuen Salons sollte nicht zu den geblümten Vorhängen passen. Schließlich sind die scheußlich und werden bald durch rote oder graue, seidene oder samtene ersetzt. "Schön wäre es, wenn die Möbel ein wenig zu den Geblümten passten, denn die Übergangslösung sollte dem Auge mindestens erträglich sein. Doch: Welches Möbelstück passt zu den geblümten Vorhängen? Etwas Rohes, das kontrastiert... Romanik? Oder etwas Edles und Feines? Vielleicht ein Chippendale?" - Der Einrichter konnte sich nicht entscheiden.
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Die geblümten Vorhänge hingen einen Monat. Ein Jahr. Fünf Jahre. Sie blieben einfach hängen, die verdammten Dinger, bis heute, dem Tag, an dem der Einrichter Schmerzen im Brustbereich hat und sich nicht rühren kann. Rechts über ihm steht eine Truhe mit einem Fernsehgerät darauf. Es ist eine Dachtruhe aus Graubünden, antik, teuer, aber scheußlich rustikal. Romanik halt. Eine plumpe Truhe! So plump, dass der Chippendale-Tisch an ihrer Seite einhundert Prozent lächerlich wirkt. Ein groteskes Paar, wie Bud Spencer und Terence Hill. Die Graubündener Dachtruhe wäre allerdings nicht nötig gewesen, um den Chippendale ins Lächerliche zu ziehen - der vollkommen unpassende Freischwinger reichte schon. Der hätte zu den grauen Vorhängen gepasst, die nie gekauft wurden. Langsam wird der Einrichter müde. Das Gesicht auf den Teppichboden zu betten, das würde helfen. Sein Blick fällt auf die Stelle, wo Fußleisten angebracht sein sollten. Der Einrichter ließ sie herausreißen, denn er hat eine spezielle Vorstellung von Fußleisten. Eine Vorstellung, die sich jedoch nie auf einen Fußleistungstypen konkretisierte, den man auf Erden kaufen konnte. So fehlen sie zur Freude der Mäuse bis heute. "Nächste Woche werde ich welche anbringen lassen", sagt er sich - einige wenige Augenblicke bevor er die Augen schließt und all seine irdischen Einrichtungssorgen sich für immer in Wohlgefallen auflösen. In diesem Moment des Todes läuft auf dem Fernsehbildschirm die Reklame eines Baumarktes: Die Reklame zeigt einen betagten Mann, der im Bett und offensichtlich im Sterben liegt. Eine Frau sitzt an seiner Seite und scheint seinen bevorstehenden Tod zu bedauern. Die Szenerie wirkt nur für wenige Sekunden traurig, denn die Werbefilmer haben sich eine Pointe ausgedacht: Der Mann im Totenbett sieht nicht sein Leben an sich vorbeiziehen - stattdessen denkt er an die nichtrenovierten Stellen seiner Wohnung. Zur Überraschung der Frau steigt er plötzlich munter aus seinem Bett. In der nächsten Sequenz sieht man ihn den Fußboden verfliesen. Er kleistert Tapeten an die Wände und verrichtet im Zeitraffer allerhand andere handwerkliche Tätigkeiten. Die Graubündener Dachtruhe, die das Ende des Einrichters gesehen hatte, verstand nichts von Fernsehreklamen. Sie wäre hier gestanden, in diesem unmöglich eingerichteten Salon, in Gesellschaft unpassender Möbelkollegen und der scheußlichen geblümten Vorhänge. Bis ans Ende aller Zeit hätte sie hier stehen wollen. Jetzt konnte Sie nur eines denken: Es wird ein übles Ende nehmen.
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Ein paar Tage nach seinem Ableben wird der tote Einrichter gefunden. Das übliche Procedere folgt. Weitere sieben Wochen später besichtigt der Erbe die Wohnung. "Scheußlich, scheußlich", murmelt er und macht Notizen. Kurz darauf lässt er die gesamte Einrichtung mit Ausnahme der geblümten Vorhänge zur Versteigerung abholen. Während Chippendale und Freischwinger eine ordentliche Summe einbringen, erkennt niemand den Wert der Graubündener Dachtruhe. Sie wird zu einem Spottpreis feilgeboten. Den Zuschlag erhält ein Mensch, dem der Wert einer mittelalterlichen Graubündener Dachtruhe ebenfalls fremd ist. Dieser Mensch nennt einen Kamin sein eigen, und er will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: "Hervorragend! So billig! Vielleicht gefällt die scheußliche Truhe meiner Frau. Andernfalls kann ich sie verheizen." "Huch! Wie scheußlich", ruft seine Frau, als er mit der Truhe nach Hause kommt. Dieses Urteil besiegelt das Schicksal der Graubündener Dachtruhe. Stück für Stück landet sie im Kamin. Die geblümten Vorhänge aber hängen noch immer.
Martin Schaefer