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Porträt:

redereihamburg

KAFFEE.SATZ.LESEN

"Nächster Halt: Hasselbrook", kurz darauf spuckt die S-Bahn ein illustres Grüppchen auf den ansonsten eher trostlosen Bahnsteig. Ob hippe Schanzenbewohner oder ältere Semester, alle streben einem unscheinbaren roten Klotz entgegen und erklimmen den 5. Stock der Baderanstalt, um dem allmonatlichen KAFFEE.SATZ.LESEN der redereihamburg e.V. beizuwohnen. Initiatoren dieser Lesungsreihe sind Sven Heine und Stevan Paul, die sich nach einer "spektakulär langweiligen Lesung" (Stevan Paul) entschlossen, selbst eine Literatur-Veranstaltung ins Leben zu rufen. Zuvor hatten die beiden auf diversen Slams gelesen, doch insbesondere Sven, der sein Geld als Programmierer verdient, liegt das Slammen nicht besonders: "Ich bewundere die Schnelligkeit der Slammer. Aber ich kann und will einfach nicht so schreiben, wie es das Slam-Publikum erwartet."

Hotspot im Hasselbrook

Sven Heine

Sven und Stevan wollten ihre Sachen lesen ohne Zeitlimit und Wettbewerbstess. "Wir waren da ziemlich egoistisch", lacht Stevan Paul, der im richtigen Leben Foodstylist ist, "denn wir wollten in erster Linie erstmal selbst auftreten." Kurz darauf fand die erste Veranstaltung in der Baderanstalt statt. Immerhin 70 Leute verirrten sich im Mai 2003 nach Hasselbrook und KAFFEE.SATZ.LESEN schaffte es auf die erste Seite des Abendblattes und später als Beispiel für einen Trend zur neuen Bürgerlichen sogar in den "Spiegel", was eine befreundete Autorin mit dem Ausspruch kommentierte: "Da backt man mal Kuchen und wird gleich in den ganz großen soziologischen Kontext gebracht." Der zweite Termin am heißesten Tag des Jahres lockte ebenfalls wieder an die 70 Zuhörer in den ansonsten eher trostlosen Hamburger Osten. "Da haben wir uns gedacht, das scheint ja zu funktionieren.", erinnert sich Sven Heine. Und seitdem gibt es KAFFEE.SATZ.LESEN jeden letzten Sonntag im Monat und zieht immer mehr Literatur-Interessierte an.

Der Name ist Programm

Stevan Paul "Es gibt Kaffee, die Geschichten der Leute und die Performance.", erklärt Stevan Paul das verblüffend einfache Erfolgs-Konzept. "Wir haben uns das vom Rock'n'Roll abgeguckt: Erst gibt es vier talentierte Newcomer-Bands und dann den Stargast." Und Sven Heineergänzt begeistert: "Oft haben die Nachwuchsautoren das Haus mehr gerockt als die etablierten Autoren." Illustre Namen wie Felix Kubin, Tex Rubinowitz, oder die Bachmannpreis-Teilnehmer Wolfgang Herrndorf und Andreas Münzner, aber auch Lokal-Größen wie Tina Uebel sassen alle schon in Hasselbrook auf der Bühne. Die Newcomer casten Heine und Paul oftmals direkt von den Slam-Bühnen. Wie beispielsweise Finn-Ole Heinrich, der zur Zeit reihenweise Preise als literarischer Newcomer abräumt. Diese Qualität der Nachwuchsförderung erkannte auch die Kulturbehörde und fördert die Lesereihe seit dem letzten Jahr.

Torte und Talente

Kulturportal Hamburg

Besonders freuen sich die Veranstalter über das gemischte Publikum. "Wir haben nie darüber nachgedacht, für wen wir das machen. Wir wollten einfach nur das präsentieren, was wir gut finden.", erklärt Heine. "Aber wir haben ein unglaublich interessiertes, waches und vor allem offenes Publikum." Stevan Paul glaubt, dass das vor allem am Konzept liegt: "Die Leute sind ausgeschlafen, haben ihren Spaziergang hinter sich und können bei leckerem selbstgemachten Kuchen vom Hauskonditor gute Geschichten hören. Wenn ihnen einer nicht gefällt, gibt es ja immer noch vier andere." Und das Beste: Zum Tatort ist man wieder zu Hause.

Um die Sache perfekt zu machen, erschien soeben im Mairisch-Verlag eine Anthologie. Das Buch ist auf Nachfrage des Publikums entstanden, denn, so Sven Heine: "Das ist der Nachteil bei einer Nachwuchs-Veranstaltung: 80 % der Leute haben noch nie etwas veröffentlicht." Aber der Glaube an die "Literatur von unten", wie Stevan Paul es nennt, zahlt sich aus, denn das Interesse an Buch und Lesung ist immens und steigert sich ständig. "Literatur", da sind sich Sven Heine und Stevan Paul einig, "passiert nicht nur in den Verlagen." Das Publikum weiß das zu schätzen und beim KAFFEE.SATZ.LESEN gibt es eigentlich nie Ausfälle, obwohl die Bandbreite und auch die Erfahrung der Autoren größer und unterschiedlicher nicht sein kann.

 

 

Kulturportal Hamburg

Mittlerweile haben Heine und Paul ein gutes Gespür entwickelt, was funktioniert und was nicht. Viele Autoren werden direkt von der Slam-Bühne gecastet, aber es besteht auch die Möglichkeit, sich über die Internet-Seite zu bewerben.

 

KAFFEE.SATZ.LESEN

jeden letzten Sonntag im Monat
16 Uhr, Eintritt 5 Euro
Baderanstalt
Hammer Steindamm 62
neben S-Bahn Hasselbrook
im Hinterhof, 5. Stock

 

Text: Annette Riestenpatt
Fotos: Taja Stapelfeldt, Kathrin Petersen, MAV

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